Bei Heraklit lesen wir: „Für die Wachenden gibt es eine und allen gemeinsame Welt, im Schlaf aber wendet sich jeder zu seiner eigenen Welt ab.“ Am hellen Tag teilen die Menschen eine gemeinsame Welt. In der Nacht aber, wenn man nicht sieht und nicht gesehen wird, sind wir mit uns allein. Die Nacht wirft uns, im Guten wie im Bösen, auf uns selbst zurück. Befreit „von des Lichtes Fesseln“ tauche der Mensch in jene dunkle, schöpferisch verheissungsvolle Welt ein.
Der Fastenmonat Ramadan gleicht der geheimnisvollen uns mit unserer Seele allein lassenden Nacht. Vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sich jeglicher Nahrung im weitesten Sinne entbehrend ist der Fastende auf sich selbst gestellt. Da der Fastende aber am Arbeitsplatz einwandfrei funktionieren muss und auch nicht die zwischenmenschlichen Beziehungen vernachlässigen darf, entwickelt er eine intrinsische Energiequelle indem er sich der Geisteswelt zuwendet. Um den Geist vital zu halten, findet eine rege Auseinandersetzung mit der Seelenlage statt, was auch unabhängig vom Ramadan als eine zentrale Verpflichtung im Islam gilt. Der Perser Abu Hamid ibn Muhammad al-Ghasali at-Tusi asch-Schafi pointiert in seinem Buch „Das Elixier der Glückseligkeit“: „Der Mensch ist nicht zum Scherz und für nichts erschaffen, sondern hoch ist sein Wert und gross seine Würde, Wohl ist er nicht von Ewigkeit her, aber für die Ewigkeit ist er bestimmt; wohl ist sein Leib irdisch und von der niederen Welt, doch sein Geist ist aus der oberen Welt und göttlich; die Substanz seines Wesens ist wohl anfangs getrübt und vermischt mit den Eigenschaften des Viehs, der Raubtiere und der Teufel; doch in dem Tiegel des heiligen Kampfes wird sie frei von aller Trübung und Unreinigkeit und würdig des Wohnens in der Nähe der Gottheit.“ Der Quran ist es, der mit seiner Vollkommenheit und Weisheit den Menschen von den Eigenschaften des Viehs befreit und die Würde des Menschen mit edlen Charaktereigenschaften ziert. Indem man sich Gott zuwendet, schmückt man sich mit den Eigenschaften der Engel. Ferner erreicht man durch das Gedenken Gottes, durch die Hingabe an Gott den Zustand der Glückseligkeit: „(…) Ja! Beim Gedenken ALLAHs finden die Herzen Ruhe. Diejenigen, die den Iimaan verinnerlichten und Gutes taten, für sie gibt es Glückseligkeit und schöne Rückkehr."[1] Demzufolge ist es die Gotteserkenntnis, die dem Menschen innere Ausgewogenheit, Zufriedenheit, Freude oder Emotionen gleicher Natur offeriert. Al Ghasali erörtert in seinem Buch „Das Elixier der Glückseligkeit“ was denn die einzelnen Etappen sind, die zur Quelle ewiger Ruhe, zur Quelle des ewig fliessenden Süsswassers, zur Quelle der Liebe, summa summarum, zur Erkenntnis und somit in die Nähe Gottes führen. Dabei schreibt er, dass die Selbsterkenntnis der Schlüssel zur Gotteserkenntnis sei. Die Definition der Selbsterkenntnis sei aber von doppelter Natur. Einerseits gebe es eine Kenntnis des Menschen über seine äussere Gestalt. Anderseits existiere ein Wissen über die Innenwelt. Hingegen würden die Menschen ihre Seele nur dann wahrnehmen, wenn sich diese „explizit zu Wort melde“. Veranschaulicht kann dieses abstrakte Konzept mit einem Zitat von Al Ghasali: „Auch die Tiere kennen so viel von sich selbst wie du von dir. Dies äussere Haupt und dies Gesicht, diese Hand und diesen Fuss, dies Fleisch und diese Haut, die kennst du, sonst nichts; von deinem Inneren aber weisst du gerade so viel, dass du issest, wenn du hungrig bist, die Menschen angreifst, wenn du zornig wirst, und nach Begattung strebst, wenn die Begierde über dich kommt. Darin sind dir aber alle Tiere gleich.“[2] Die Emotionen sind somit nur ein Teil und nicht das gesamte Bild der Seele, des Innern also des Herzens. Da unsere Seele stets auf der Suche nach Ruhe, innerer fortwährender Ausgewogenheit, Zufriedenheit, Glück, der Quelle der Freude und dem für alle Zeiten gültigen Sinn des Lebens ist, begreifen wir, dass das Innere, das Herz also nach dem Jenseits dürstet. Der Geist kann nicht auf der Suche nach dem Diesseitigen sein, da die externe Welt nicht von Beständigkeit zeugt: Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, Inflation, Krieg, Armut, Tod. Das Ableben markiert die Vergäng-lichkeit des diesseitigen Lebens. Auf der Erde gibt es also so etwas wie eine für jedes Individuum bestimmte Zeit. Weswegen aber ist das Leben temporell fixiert und nicht von Ewigkeit? Eine Gegenfrage dazu: Was erhält man für das Erledigen von Aufgaben am Arbeitsplatz? Zeit. Aufgrund dessen sehen Muslime das Leben als eine Art Aufgabe, um deren Erfüllung sie stets bestrebt sind. Deswegen eifert man stets danach das Innere, die Seele, also das Herz mit dem „Guten“ dem „Richtigen“ zu nähren. Der Leib ist für das Diesseits und die Seele für das Jenseits. Die Nahrung des Körpers ist beispielsweise Brot und Wasser und was jene der Seele? Um diese Frage zu beantworten, ziehe ich die linguistische Bedeutung des Fastenmonats Ramadan heran. Ramid ist Arabisch und bedeutet „etwas mit übermässiger Hitze verbrennen“ oder „ von der Sonne versengt werden.“[3] Ramada bedeutet „eine Klinge mit einem Stein wetzen“ oder „etwas erhitzen“ respektive „etwas verbrennen“.[4] Der Fastende feilt während dem ganzen Monat Ramadan an seiner in der Nacht zu unedlen Handlungen neigenden Charakter. Der Begriff „Nacht“ bedeutet in diesem Kontext „von Zeit zu Zeit“ oder „dann, wenn die schlechten Charaktereigenschaften Überhand gewinnen“. Beispielsweise versucht der Fastende, wenn er Hunger oder Durst verspürt, die Gier nach Nahrung zu zügeln und so genügsam zu handeln. Ein anderes Exempel entnehme ich meinen Beobachtungen. Manch einen habe ich gesehen, der Wut verspürt hat, wenn er nichts zu essen bekam. Da der Fastende den ganzen Tag auf Nahrung verzichten muss und sich nicht in einem Zustand dauernden Zorns befinden kann, da er alltägliche Aufgaben erledigen können soll, tauscht er diese schlechte Eigenschaft gegen Geduld, Ausdauer ein.
Schliesslich noch ein drittes Beispiel: Wenn der Ramadan die Nacht darstellt, dann gehen wir also auch davon aus, dass sich der Fastende manchmal in Situationen befindet, in der er von niemandem gesehen wird und so heimlich das Fasten brechen könnte. Die Rede ist also von der Verführung zum Schlechten, welche omnipräsent ist. Mittels Recherche, Aneignung von Wissen und Kenntnis weiss der Fastende, weswegen er der Verführung nicht nachgeben soll. Verführung zur Falschheit wird also durch Klugheit und Weisheit ersetz.
Der Ramadan darf dieser Abhandlung zufolge tatsächlich mit der Nacht verglichen werden, da der Fastende einen ganzen Monat lang auf sich selbst gestellt ist. Hingegen kann dem Fastenmonat nicht das Attribut der ungezügelten, von Begierden beherrschten Nacht zugeordnet werden. Denn „fasten“ bedeutet den Verstand mittels Aneignung von Wissen zu schärfen, die Neigung zum Bösen mittels Geduld zum Guten zu lenken und so die Triebe, alle Emotionen, aber auch den Körper zum Sklaven der Seele zu machen. Der Geist, das Herz gewinnt so die Herrschaft in seinem vergänglichen Palast. Er wird ein Fels in der Brandung und der hellste Stern in der tiefdunklen Nacht.
[1] Der Quraan Text und seine Transkription und Übersetzung , Amir M.A.Zaidan, Sure 13: 28‐29 [2] Das Elixier der Glückseligkeit, Al Ghasali, S.35 [3] http://www.finalcall.com/artman/publish/Columns_4/harlem_8101.shtml [4] http://www.finalcall.com/artman/publish/Columns_4/harlem_8101.shtml