Interessantes aus dem Arabischen, ﺭﺑﺔ ﺑﻴﺖ(rab-bat
bayt) (Autor: Sema Özonar, Medienteam Freitagsclub, 08.10.11)
Ich
pauke arabische Vokabeln und halte für einen kurzen Moment inne-ein schwarzer „Klecks“
in meinem Buch. Der „Fleck“, der sich als eine Übersetzung für das Arabische „ ﺭﺑﺔ ﺑﻴﺖ“ ausgibt, nimmt langsam Konturen an:“die Hausfrau“,
lese ich widerwillig. Meine Seele wird unruhig, mein Sprachsinn trotzt und
kehrt der „Hausfrau“ den Rücken zu. Mein Herz sucht in der deutschen
Übersetzung vergebens nach der Poesie, der Musik, dem Rhythmus. Seit gut einem
Jahr setze ich mich mit dem Arabischen auseinander. Jedes Mal, wenn ich
Vokabeln lerne, spüre ich, wie sich meine Seele mit gesunder Nahrung ernährt.
Wenn ihr nun meiner Äusserung keinen wirklichen Sinn zuordnen könnt, so liegt
der Fehler bestimmt nicht bei euch, sondern bei mir. Beflügelt von dem Klang
der arabischen Wörter, der Schönheit des Schriftzugs und der Ruhe stiftenden
Schreibübungen, fällt es mir nicht leicht, meine Emotionen einem breiten
Publikum zu vermitteln. Ein zweiter Versuch: “Arabisch lernen ist Ausdruck der
Liebe. Ein Tanz mit dem Liebsten. Ein Genuss auf höchster Ebene.“ Die arabische
Sprache hat aber noch eine zweite wunderschöne Seite an sich: Sie vermittelt in
ihrer Bedeutung kulturelles, poetisches, religiöses Wissen. “Vermitteln“ mag
eventuell in einigen Fällen ein wenig übertrieben ausgedrückt sein. Auf jeden
Fall aber, lassen arabische Wörter, Bilder vor dem Auge des Lesers entstehen,
so dass dieser zur einen oder anderen Präsupposition neigt. „Rab“ bedeutet „Gebieter“,
„Unterstützer“, „Meister“, „Hochgeachteter“. Im islamischen Kontext wird das
Wort „rab“ gleichbedeutend für Allah gebraucht. Die Bezeichnung „rab“ ist mit
einem Ehrentitel zu vergleichen. Diese Schlussfolgerung korrespondiert nicht
nur mit der islamischen, sondern auch mit der jüdischen und christlichen
Tradition. „Rabbi“, oder auch „Rebbe“ ist jüdisch und bedeutet Judenmeister
respektive Lehrmeister. Ein Rabbiner stellt die oberste religiöse Autorität dar
und fungiert als Richter im jüdischen Religionsgesetz, [1]. Auch Jesus von
Nazaret wird im Neuen Testament oft als „Rabbi“ bezeichnet. Auf kontrastiver
Ebene erkennen wir, dass sowohl im Hebräischen als auch im Arabischen „rab“
positiv konnotiert ist. Ein intralingualer Vergleich sei nicht legitim, ist
kein gültiger Einwand, da das Hebräische und das Arabische miteinander
verwandte, nämlich semitische, Sprachen sind. Der eigentliche Unterscheid
zwischen dem „rab“ im Jüdischen und jenem im Islamischen ist der, dass rab im
Ersteren in Bezug auf Männer gebraucht wird, wohingegen der Islam diesen Titel,
wie in rab-bat bayt, nebst Allah auch der Frau zuschreibt. Weswegen wird aber
einer Hausfrau ein solcher Ehrentitel verliehen. Um Klarheit über das Rätsel zu
erlangen, ist ein Blick in die islamische Kulturgeschichte wert. Eine
muslimische Frau, die im häuslichen Bereich arbeitet, hat diverse Aufgaben. Es
obliegt ihr, ihren Mann zu beraten, ihn in seiner Entscheidungsfindung zu
unterstützen. Der Islam lehnt das patriarchalische System der meisten sich als
islamisch bezeichnenden Ländern ab. Dementsprechend setzt sich das
Familienoberhaupt aus Mann und Frau zusammen. Ferner ist eine Hausfrau, sofern
sie Mutter ist, die Erzieherin ihrer Kinder. Das Statussymbol einer Mutter im
Islam wird in folgendem Ausspruch des Propheten Mohammad (saw) deutlich: Auf
die Frage, wer es am meisten verdiene, gut behandelt zu werden, antwortete er
dreimal „deine Mutter“ und erst danach „dein Vater, dann deine nächsten
Verwandten, [2]. So schön das Wortkonzept
des rab-bat bayt auch sein mag, ich könnte mir nicht im Traum ausmalen, das
Haus zu meiner Arbeitsstätte zu machen, Kinder zu erziehen und meinem
zukünftigen Ehemann mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ganz im Gegenteil, ich
wäre am liebsten finanziell selbständig, was aus islamischer Sicht der Frau
sehr gelegen kommt.
Denn eine Muslimin muss das verdiente Geld nicht in ihre Familie investieren.
Es ist ihr erlaubt, die eigenen Finanzen zu verwalten und den gesamten
Verdienst für ihre Zwecke auszugeben. Bildung im Islam sollte aber natürlich
nicht auf den finanziellen Aspekt reduziert werden. Der Prophet Mohammad (saw)
sprach sich zum Aneignen von Wissen wie folgt aus:“Das Streben nach Wissen ist
eine Pflicht für jeden Muslim, Mann oder Frau.“ Demzufolge erfüllt eine
gebildete Frau eine ihrer islamischen Obliegenheiten. Erinnern wir uns doch der
ersten Ehefrau des Propheten Mohammad (saw) Khadidscha. Sie war eine angesehene
Geschäftsfrau in Mekka, die Handelskarawanen unterhielt und unter deren Leitung
der Prophet Mohammad (saw) arbeitete. Der Überlieferung zufolge, ergriff sie
das Zepter und machte dem Propheten Mohammad (saw), nachdem sie von seiner
Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit überzeugt war, einen Heiratsantrag. Um ein
weiteres Beispiel zu nennen, führe ich Aischa (radial-lahu’anh) an, ein Vorbild
einer emanzipierten selbstbewussten starken Muslimin. Nachdem der Khalif Uthman
(radial-lahu’anh) ermordet worden war, wurde Ali Bnu-abi-talib (radial-lahu’anh)
in das Amt des Khalifats einberufen. Als Aischa (radial-lahu’anh) erkannte,
dass Ali (radial-lahu’anh) nichts dafür unternahm, die Mörder Uthmans zu
verfolgen und dann zu bestrafen, machte sie sich die Verfolgung der Letzteren
zu eigen, [3]. Ich könnte noch etliche
weitere Beispiele von selbstständigen und selbstbewussten Musliminnen anführen.
Hingegen ist es essentiell an dieser Stelle eine Schlussfolgerung aus all
diesen Exempeln zu ziehen. Der Islam ehrt die Frau in allen Domänen mit dem
Ehrentitel „rab“. Ob die Frau die „rab“ des Hauses oder vorzugsweise die“ rab“
des öffentlichen Lebens sein möchte, ist dem betreffenden Individuum selbst
überlassen. Die Frau auf die Funktion der Hausfrau zu reduzieren, ist töricht
und ist mit dem Geiste des Islam und der Schönheit der arabischen Sprache
inkompatibel. Während das Arabische die Frau mit Samthandschuhen anfasst, neigt
die von Männern konzipierte Welt dazu, die von Gott mit Schmuck ausgestattete
Perle mit dem Ausspruch „die Hausfrau“ zu zerquetschen, die Schmuckschatulle
unbeachtet in das tosende Meer zu werfen.
[1] http://www.judengasse.de/dhtml/B029.htm [2] Auszüge
aus Riyadus Salihin, Die Gärten der Rechtschaffenen, Imam An-Nawawi
[3] Ausgewählte
Kapitel islamischer Kulturgeschichte